Die Odyssee findet zu einer Zeit statt, in der Länder von grossen Herrschern kontrolliert wurden, die für ihre Herrschaft kämpfen und sich auch mit allen nötigen Mittel durchsetzen mussten, den nur einer konnte über ein Gebiet herrschen. Natürlich waren es die Männer die herrschten. Wie ein Herr über sein Land in der Vorstellung der Menschen dieser Zeit herrschte, wird auch ganz deutlich in der Odyssee übermittelt. Es ist diese grausame, patriarchalische, von der heutigen Zeit aus gesehen kaum vorstellbare Herrschaft, die nicht von Straffung zurückschreckt, welche die Odyssee lobt.

Die Gesänge 13 bis 24 handeln um Odysseus Wiederherstellung seiner absoluten Herrschaft auf Ithaka, somit auch seine Rache an die Freier. Über diese Gesänge hinaus wird immer wieder gezeigt, wie das Herrschen in dieser Zeit verstanden wurde. Herrschaft wurde oft durch Gewalt durchgesetzt, das war für sie selbstverständlich. Um potenzielle Verräter abzuschrecken, musste der Herrscher immer seine Macht zu sehen machen und die, die sich ihm widersetzten, zu bestraffen. So wie Poseidon eins seiner Geliebten Völker grausam bestraffte, nur weil sie Odysseus halfen und um ein Bespiel zu machen, als auch einfach um seine Wut zu stillen, bestraffte Odysseus die Freier und auch alle mit ihnen verbündeten und brachte sie um. Sich vorzustellen, dass man einfach so von einer höheren Macht, wie die Götter, oder auch ein Herrscher wie Odysseus, bestrafft werden konnte, ohne irgendwas dagegen machen zu können, musste sicher angsteinflössend und grausam gewesen sein.
Diese Gewalt musste man natürlich begründen, man brauchte eine Legitimation. Da kamen die Götter ins Spiel. Diese gewaltsame Herrschaft sollte der Wille der Götter sein, so sagt Athene, als sie Odysseus über den Freiern beriet: «Es wird mir ein Genuss sein, das Blut und die Gehirne dieser Wüstlinge auf den Boden spritzen zu sehen.» (S. 107). Der Wille der Götter konnte sich ja niemand widersetzen.
Doch um Herrscher zu bleiben, musste man die Folgsamkeit des Volkes sichern. Das Konzept der Folgsamkeit basierte auf ein geben-nehmen-Prinzip: Das Volk bietet dem Herrscher Folgsamkeit im Gegenzug von Schutz. Da es zu dieser Zeit keine Währung gab, musste der Herrscher dem Volk einen Vorteil bieten, sonst würden sie einem nicht mehr Folgen. Ein weiterer Weg sich Folgsamkeit zu ergattern, war Menschen in seiner Schuld stehen zu lassen. So machte es auch Telemachos, der Theoklymenos im Schutz vor seinen Feinden nahm und somit seine Loyalität für sich gewann.
Die Odyssee ist sehr frauenfeindlich. Frauen werden als hinterlistige, des Vertrauens nicht würdige Wesen dargestellt, die die Ursache alles Üblen seien. Das möchte die Odyssee so auch ganz deutlich machen. So sagt Athene selbst, eine Frau unter den Göttern: «Du kennst ja die Haltung der Frauen: Jenen, mit denen sie das Lager teilen, schanzen sie möglichst viel zu – die Kinder aus früheren Verbindungen zählen dann nicht mehr viel.» (S. 116). Da Frauen sich so leicht verführen liessen und sich sofort dem, mit dem sie das Lager teilten, unterstellen würden, spielten sie eine grosse Rolle in der Herrschaft, und zwar als eine gewaltige Schwäche der Herrschaft. Das sorgte dafür, dass man Frauen nicht trauen konnte, sie konnten ja einem jede Zeit verraten, wie das Pflegemädchen des Eumaios, der einst vom Adel stammte, von den Piraten verführt wurde, ihnen beim Diebstahl half und Eumaios packte und entführte. Die Schuld wurde selbstverständlich dem Dienstmädchen allein gegeben, welches kurz darauf von der Göttin Artemis als Straffe getötet wurde, was den Piraten nichts ausmachte.
Von einer heutigen Zeit aus gesehen, wirkt das Konzept der absoluten Herrschaft, die um diese Zeit die Norm war, sehr abstrakt. Es ist ein bisschen schwer, sich vorzustellen, wie sich solch eine Herrschaft überhaupt durchsetzen konnte. In unserer Zeit ist das frauenfeindliche Bild der Odyssee vollkommen unakzeptabel. Man kann aber auch viel über unsere eigene Gesellschaft lernen durch die der Zeit der Odyssee, wie zum Beispiel es zu dieser Misogynie überhaupt kam und wieso.